Wir sind gespannt auf die Tundra, laut Reiseführer liegt auf der Strecke nach Inari die Vegetationsgrenze und man fährt durch die Tundra. Auch der Campingplatz in Inari wird mit „guter Standard-Ausstattung“ gelobt, in beiden Punkten wurden unsere Erwartungen nicht ganz erfüllt. Bei der Überquerung eines Hügels wandelte sich der Nadelwald schlagartig in eine weite Fläche mit nur vereinzelten sehr niedrigen Fichten. Sobald wir wieder in niedrigeres Gelände fuhren nahm die Anzahl der Bäume genauso schlagartig wieder zu und wir fuhren wieder durch endlose Wälder. Kurz hinter Ivalo beginnt bereits der Inarijärvi, der zweitgrößte See Finnlands. Der See hat eine Küstenlänge von über 3300 km und mehr als 3300 größere und kleinere Inseln. An den Straßenrändern sind zahlreiche kleinere Seen und Teiche, teilweise Ausläufer des Inarijärvi zu sehen, manchmal ist es auch nur Moor bzw. stehendes Wasser. Es regnet sehr häufig, der August ist der regenreichste Monat, und wir bekommen das hautnah zu spüren, die Lücken zwischen den Schauern sind nur kurz und die Sonne lässt sich kaum blicken.
In Inari gibt es mehrere Aktivitäten, außer einem Rundflug mit einem Wasserflugzeug kann man Kajaks mieten, wandern oder eine Bootsfahrt zur Insel Ukko. Wir entscheiden uns für die Bootstour und schippern am Donnerstag um 13 Uhr los. Bis zu diesem Zeitpunkt hat es nur ein mal geregnet, kurz vor dem Aufstehen gegen 9 Uhr, und wir freuen uns über die sonnigen Abschnitte, die wir heute schon erlebt haben. Der Katamaran fährt gemächlich durch die vielen Inseln und Felsbrocken, die Erklärungen werden in finnisch, deutsch und englisch durchgesagt, so dass wir auch viel davon verstehen. Das Ziel der Bootsfahrt, Ukko, war eine heilige Insel der Samen, sie ist deutlich an ihren Umrissen zu erkennen, ein 30 m hoher Felsenhügel, mit Heidelbeer- und Preiselbeer-Sträuchern und niedrigen Bäumen bedeckt, 100 m breit (sieht kleiner aus) und für Touristen mit einer Holztreppe vorbereitet. Auf dieser gelangen wir (zusammen mit den anderen Touristen) auf den Gipfel wo pünktlich zur Ankunft der Regen beginnt. Die Regenwolken sehen imposant aus, wenn sie sich von uns entfernen, gefallen sie mir besser.
Enare, Finnland
Enare, Finnland
Inari Church, Enare, Finnland
Ukko, Enare, Finnland
Wasserflugzeug
Regenfront, Ukko, Enare
Ausflugsboot
Der Campingplatz in Inari hat uns etwas entnervt, ohne die geplante Bootstour wären wir nur eine Nacht geblieben. Der Platz war sehr gut besucht, von den 50 Plätzen und 39 Hütten war fast alles ausgebucht. Das ist gut für den Besitzer, anstrengend für die Gäste - bei insgesamt 6 WCs und 6 Duschen, jeweils 3 für die Mädels und 3 für die Jungs. Und wir lernen, was ein Hotelbus ist. Schätzungsweise waren in dem Modell auf dem Campingplatz 16 Personen plus 2 Fahrer, für uns unvorstellbar, in den im Internet abgebildeten sarggroßen Kabinen zu übernachten.
Die Überraschung kam etwas später, als 2 weitere PhoeniX WoMos auf dem Platz auftauchten, natürlich Deutsche. Am Freitag leert sich dann der Platz, wir ziehen als eine der letzten ab, da kann man in aller Ruhe Wasser ablassen und frisches tanken. Auch die interessante Möglichkeit, die Toilettenkassette zu reinigen, war notwendig (aufgrund der Sanitäranlagen des Platzes) und haben wir genutzt. Die positive Bewertung des Reiseführers konnten wir nicht ganz nachvollziehen.
Campingplatz, Inari, Finnland
Enare, Finnland
Enare, Finnland
Enare, Finnland
Campingplatz, Inari, Finnland
Der E 75 ist erstaunlich stark befahren, wir waren von einer einsameren Strecke ausgegangen. Erst hinter Kaamanen wird es ruhiger, dort biegt die Straße 92 Richtung Nordkapp ab. Wir sind immer noch gespannt auf die Tundra, bekommen wieder mal eine Wolke mit Starkregen ab ansonsten ändert sich an der Vegetation nur wenig, die Birken werden niedriger, die Wälder sind ab und zu unterbrochen von Feuchtgebieten mit Wollblumen, die hier oben immer noch blühen und so gelangen wir nach Utsjoki, einer Grenze nach Norwegen. Wir bleiben kurz stehen, besichtigen die Brücke über den Grenzfluss Tenojoki bzw. Tana und entscheiden uns angesichts der frühen Stunde weiter zu fahren. Wenn wir schon mal hier sind, können wir auch zum nördlichsten Punkt der EU fahren, nach Nuorgam. Hier erreichen wir den 70. Breitengrad, das Nordkapp liegt auf dem 71., der nördliche Polarkreis auf dem 66. Breitengrad. Hier gibt es natürlich auch einen Campingplatz, darüber hinaus sind in dem 200 Seelendorf Nuorgam zwei Tankstellen, zwei Supermärkte, zwei Baumärkte, ein Alko und ein Bekleidungsgeschäft angesiedelt. Das zeugt von dem regen Tourismus der Norweger, die hierher gerne zum Einkauf kommen.
Nuorgam, Finnland
Nuorgam, Finnland
Nuorgam, Finnland
Nuorgam, Finnland
Nuorgam, Finnland
Der Campingplatz liegt am Fluss Tenojoki, ist ein bekannter Lachsfluss, hier kann man kleine Boote zum Angeln mieten. Am Ufer sind Holzstühle mit Tischen bereitgestellt, eine Feuerstelle bietet den Mücken Einhalt und man kann die beiden samischen Hütten nutzen, zum Grillen, sich Aufwärmen, auf den Fluss schauen. Ein Campingplatz ohne Sauna kann man sich in Finnland nicht vorstellen, auch wenn man sie stundenweise mieten muss. Die Sanitäranlagen rechtfertigen den hohen Preis, endlich mal wieder ein Platz, auf dem man die Dusche und Toilette nutzen kann. Der Boden ist gekachelt, die Dusche ist mit Fußbodenheizung ausgestattet - zusammen mit dem (vorhergesagten) sonnigen Wetter verlängern wir um eine Nacht. Gegen Mittag reißt die Wolkendecke über Norwegen auf, die sonnigen Abschnitte erreichen bald auch die finnische Seite und wir machen uns auf den Weg zum Fjällgipfel. Wir starten auf der Straße Richtung Pulmankijärvi, nach jeder Kurve eröffnet der Blick einen weiteren Hügel, der zu erglimmen ist. Auf der Seite ist die Scuter-Strecke zu erkennen, markiert durch rote Holzkreuze, auch Hinweise zur Langlaufloipe sind vorhanden. Am Rentiergatter erreichen wir einen Wanderweg durch das Fjäll zum See, da wir die Verpflegung vergessen haben bleiben wir weiter auf der Straße. Am Gipfel, d.h. auf gut 200 Meter Höhe ist der Weg zum See nur noch 1,5 km weit, und es gibt einen Hinweis auf ein „Topographic memorial“. Die aufeinander gestapelten Steine/Felsen sehen nach einem historischen Fund aus - sie stammen aus 2007. Am Topographic memorial (ein großer Felsbrocken mitten im Fjäll mit kleiner schwarzer Tafel) finden wir heraus, dass hier zwischen 1992 und 2007 das Land vermessen wurde und als Abschluss ein Boot aus Steinen gestapelt wurde. Die Tisch-Sitz-Gruppe ist ein von der EU gefördertes Kunstwerk - ob das ein Brexit-Befürworter mal gesehen hat?
Wegweiser, Nuorgam, Finnland
Nördlichster Punkt der EU
Nuorgam, Finnland
Nuorgam, Finnland
Nuorgam, Finnland
Nuorgam, Finnland
Nuorgam, Finnland
Auf dem Weg bergab kommt uns ein Auto mit Anhänger entgegen und ich lästere, dass man doch mit den darauf liegenden Mountainbikes hochfahren müsste und nicht mit dem Auto. Wir werden kurz danach davon überrascht, dass tatsächlich erst die beiden etwa 8-jährigen Söhne, dann der Papa und zum Schluss die etwa 5-jährige Tochter mit den Fahrrädern an uns vorbei ins Tal sausen. Und eine darf mit dem Auto hinterher fahren (und gegebenenfalls aus dem Graben rausholen).
Durch die Nässe wachsen hier unglaublich viele Pilze. Leider kennen wir diese nicht gut genug um selbst zu Sammeln. Was ich bisher nur vom Hörensagen kannte sind Fliegenpilze. Jetzt kann ich diese giftigen Pilze tatsächlich mal in natura bestaunen, direkt auf dem Campingplatz wächst ein Prachtexemplar. Und nachdem ich schon in Sodankylä die Fliegenpilzfamilie nicht fotografiert hatte, lasse ich mir diese Gelegenheit nicht entgehen.
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